Unisiegel

Institut für Rehabilitationspädagogik Körperpädagogik

Vorbemerkung:

Die Datenbasis für das Fallportrait ‚Jan‘ bildet die Akte eines Beratungsprozesses zur Unterstützten Kommunikation. Aus den vorliegenden Dokumenten und Aktennotizen wurde eine Fallgeschichte konstruiert, welche Fragen nach der Suche und nach dem Einsatz einer geeigneten Kommunikationshilfe thematisiert, mit welcher gemeinsame Interaktionen gelingen können. Direkte Zitate aus den Unterlagen sind kursiv geschrieben und mit Quellenangaben versehen. Kursiv geschriebene Texte ohne Quellenangaben sind fiktive Beispiele, die beschriebene Inhalte verständlicher werden lassen sollen. Sie entstammen nicht den Unterlagen dieses ‚Falls‘, sondern sind als ‚Illustrationen‘ konzipiert, die sich mit langjährigen Beratungspraxen legitimieren. Die Einleitungen in solche Passagen markieren ihren Status als mögliche Geschehensdarstellungen.

 

Fallportrait – Jan

Der dreijährige Jan ist ein neugieriger, aufgeschlossener Junge. Würde es nach ihm gehen, würde er einfach jeden Tag auf Erkundungstour gehen und die alltäglichen Wunder seines Heimatdorfes bestaunen. Am spannendsten findet er dabei Baufahrzeuge und Baumaschinen. Denen könnte er stundenlang beim Baggern oder Lastenheben zuschauen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er später, wenn er einmal groß ist, am liebsten selber Kranführer sein möchte, um jeden Tag in luftiger Höhe verbringen zu können. Da ein echter Baukran jedoch viel zu groß für sein Kinderzimmer ist, hat er von seinen Eltern ein Miniaturmodell seines Lieblings-Baufahrzeuges bekommen. Mit diesem Mini-Kran spielt er gerne genau die Szenen nach, die ihn auf der echten Baustelle stets so faszinieren. In diese Spielwelten bezieht Jan auch seine Eltern gerne mit ein.

Nachdem Jan auf dem Nachhauseweg aus dem Autofenster beobachtet hat, wie ein meterhoher Baukran sich beim Transportieren eines Palettenstapels zweimal blitzschnell um die eigene Achse gedreht hat, möchte er dies mit seinem eigenen Kran auch ausprobieren. Kaum hat seine Mutter ihm im Hausflur Schuhe und Jacke ausgezogen, rutscht er auch schon auf dem Hintern in Richtung seines Walkers, der unter der Treppe für ihn bereitsteht. Als er ihn endlich erreicht hat, versucht Jan ungeduldig, sich der Länge nach an seinem Walker hochzuziehen. Als dies mehrfach nicht so recht klappen mag, kommt seine Mutter herbeigeeilt und unterstützt ihn, indem sie mit der einen Hand Jans Rücken stabilisiert und mit der anderen Hand von unten schiebt, sodass er sich aufrichten kann. Kaum steht Jan stabil in seinem Walker, beginnt er auch schon in die Richtung seines Zimmers zu laufen. „Jan, wo willst du denn hin? Jetzt gibt es erst einmal Mittagessen in der Küche“, ruft seine Mutter ihm nach. Doch Jan hört ihr gar nicht mehr zu. Er möchte so schnell wie möglich mit seinem Kran spielen. Aufgeregt schaut er in seinem Zimmer umher. Doch wo ist sein Kran? Als er ihn nicht finden kann, beginnt er laut zu quengeln. „Was ist denn passiert?“, fragt seine Mutter, während sie schnell angelaufen kommt. „Suchst du deinen Kran? Schau her, ich habe ihn auf deine Kommode gestellt.“ Mit diesen Worten holt Jans Mutter sein Lieblingsspielzeug von der Kommode und stellt es vor ihn auf den Boden. „Jetzt wollen wir aber Mittagessen, sonst wird es kalt“, fügt Jans Mutter hinzu und will sich gerade in Richtung Tür aufmachen, als dieser nach ihrer Hand greift und erst auf sie und dann auf den Kran zeigt. Währenddessen murmelt er mehrfach leise „Ja, Mama, Ja.“ „Möchtest du mir noch etwas zeigen?“, fragt Jans Mutter ihren Sohn. „Ja“, antwortet Jan, während er versucht, den Haken des Krans um seine eigene Achse zu drehen. Dies will ihm jedoch nicht so recht gelingen und der Kran fällt um. „Ja!“, sagt Jan nun fordernder und zieht die Hand seiner Mutter. „Ja, ja.“, wiederholt er und schaut erst seine Mutter an und dann auf den Fuß des Krans. „Ahh, der Kran fällt immer um, stimmts? Soll ich dir helfen? Pass auf, ich halte den Kran fest“, erwidert Jans Mutter. Jetzt, wo der Kran nicht mehr umfallen kann, beginnt Jan damit, den Greifarm des Kranes um seine eigene Achse zu drehen. Erst vorsichtig und langsam, dann immer schneller und mit mehr Schwung. Dabei lautiert er vergnügt vor sich hin und freut sich, dass er den coolen Trick, den er eben erst beobachtet hat, nun selber ausführen kann.

Wenn Jan nicht gerade mit seinem Kran spielt oder Baustellen beobachtet, schaut er sich für sein Leben gern Bilderbücher an. Am liebsten natürlich– wie sollte es auch anders sein – von Baggern, Kränen oder Walzen. Währenddessen ist er ganz vertieft in die Bilder der Baumaschinen und bekommt gar nicht mehr so recht mit, was um ihn herum geschieht. So kann es schon mal vorkommen, dass Jan, während er so entspannt auf dem Sofa liegt und sein Buch verschlingt, erst dann merkt, dass er hungrig ist, wenn sein Magen laut zu knurren beginnt. Zum Glück hat Jans Mutter die Bedürfnisse ihres Sohnes stets im Blick und versucht diese zu erfüllen. In solchen Situationen verkündet sie gerne scherzhaft, sie könne ihrem Sohn, ganz ohne Worte, jeden Wunsch von den Augen ablesen und direkt erfüllen. Im häuslichen Alltag funktioniert diese basale Art der Kommunikation zwischen Jan und seiner Mutter auch sehr gut, wie das folgende Beispiel verdeutlichen soll.

Endlich! Der Frühling ist da! Die Vögel zwitschern, die ersten Knospen beginnen sich zu öffnen und der Himmel ist voller Schäfchenwolken. Jan wirkt ganz aufgeregt, als er aus dem Fenster schaut und ruft mit einem lauten „Ja!“ seine Mutter herbei. Als sie angelaufen kommt, zeigt Jan immer wieder mit ausgestreckter Hand aus dem Fenster in den Garten. „Das Wetter ist ganz herrlich, Jani, lass uns doch nach draußen in den Garten gehen“, schlägt Jans Mutter ihrem Sohn vor. Dieser nickt sichtlich aufgeregt, während er sich von ihr hochheben und in den Garten tragen lässt. Im Garten angekommen, setzt Jans Mutter ihn auf das weiche Gras und läuft noch einmal zurück ins Haus. Als sie zurückkommt, hat sie sein Lieblingsbilderbuch unter den Arm geklemmt. „Bitteschön, an der frischen Luft liest es sich doch am besten“, erklärt sie und legt das Buch ins Gras. Vergnügt betrachtet Jan die eindrucksvollen Fotos im Buch und lässt sich von den bunten Illustrationen in die Welt der Baufahrzeuge entführen. Durch den strahlenden Sonnenschein kann sich Jan so richtig schön entspannen und seine Gedanken kreisen lassen. Mit der Zeit wird es immer wärmer und Jan merkt bald, dass sich sein Hals ganz trocken anfühlt. Er hat Durst. Als er den Kopf dreht, erblickt er seine Mutter, die auf der Sonnenliege sitzt und ihn beobachtet. „Was gibt’s denn Jani, geht’s dir gut? Hast du Hunger oder Durst? Ich hole dir etwas“ erwidert sie prompt, als sich ihre Blicke treffen und Jan versucht, sich langsam aufzurichten. Noch bevor von ihm auch nur das leiseste Geräusch zu vernehmen ist, springt seine Mutter auf und läuft schnell in die Küche. Einige Sekunden später hat Jan seinen Oberkörper aufgerichtet und streckt seine Zunge leicht heraus. Diese Geste macht er immer, wenn er Hunger oder Durst hat. Diesmal hat er die Geste jedoch gar nicht gebraucht, um zu zeigen, dass er Durst hat. Einige Momente später kommt seine Mutter mit einem Teller voller Erdbeeren und Jans gefüllter Trinkflasche zurück in den Garten gelaufen.

Obwohl Jan seine ganz individuellen Zeichen und Gesten zur Kommunikation von Bedürfnissen nutzt, wird er von seinem engsten Umfeld gut verstanden. Manchmal werden ihm Bedürfnisse sogar direkt von den Augen abgelesen und kaum ein Wunsch wird ihm ausgeschlagen.

Je älter er wird, desto mehr gibt es zu für ihn zu entdecken. Durch das Kennenlernen von neuen Dingen und der Priorisierung von neuen Interessen erweitern sich auch Jans Kommunikationsanlässe und Themen beinahe jeden Tag. Jans körpereigene Kommunikationsmöglichkeiten, wie zum Beispiel seine Zeigegesten, bestimmte Laute oder Mimik, hingegen bleiben weitestgehend gleich und sind im Unmittelbaren verhaftet. Trotzdem lässt sich Jan in seinen Kommunikationsbestrebungen nicht entmutigen und bleibt auch neuen Kommunikationssituationen gegenüber aufgeschlossen.

Es passieren ja auch so viele spannende Dinge in seinem Leben, die er am liebsten direkt und bis ins kleinste Detail mit seinen Eltern teilen möchte. Oft gelingt ihm dies durch Zeigegesten, Laute oder das gemeinsame Inspizieren eines Gegenstandes auch ganz gut und er kann zufrieden seine Bedürfnisse und Wünsche ausdrücken. Diese für Jan und seine Eltern gelingende Kommunikation ist jedoch nur dann gewährleistet, wenn Jan mit seinem Umfeld über einen konkreten Gegenstand in Austausch tritt. So wissen seine Eltern zum Beispiel ganz genau, wie sie reagieren sollen, wenn Jan seine Zunge herausstreckt oder auf sein Lieblingsspielzeug zeigt. Je abstrakter der Kommunikationsgegenstand bei gleichbleibenden Kommunikationsmöglichkeiten jedoch wird, desto größer wird der Interpretationsspielraum des Gegenübers und somit auch die Chance auf Missverständnisse. Es sind aber nun mal die abstrakteren, nicht im unmittelbaren verhafteten Dinge, die Jans Erleben erst so spannend und abenteuerlich machen. Die Dinge eben, über die er sich austauschen und von denen er berichten möchte. Wenn er dann, egal wieviel Mühe er sich gibt, einfach nicht verstanden wird, kann es schnell zu Kommunikationsfrust kommen.

Gestern hat Jan beim Spielen beobachtet, wie Nachbar Schulz in seinem Garten aus einem Stapel Holzplatten und einer dicken Rolle Draht etwas gebaut hat. Als er fertig war, sah sein Bauwerk so ähnlich aus wie die Kaninchengehege, die Jan aus dem Streichelzoo kennt. Als Jan jetzt wieder aus seinem Fenster in den Garten von Herrn Schulz blickt, kann er seinen Augen kaum trauen. Das Konstrukt ist tatsächlich ein Kaninchenstall mit kleinen Häuschen und Futterraufe. Und nicht nur das, es hoppeln auch noch zwei gefleckte Kaninchen darin umher. Aufgeregt beginnt Jan zu lautieren und hält seine Hand an seinen Kopf, dass sie aussieht wie die Ohren der Kaninchen von Nachbar Schulz. Das muss er unbedingt seinen Eltern zeigen. Vielleicht gehen sie dann mit ihm rüber zu Nachbar Schulzes Kaninchen und mit etwas Glück darf er sie vielleicht sogar auf den Schoß nehmen. Au ja, nichts wie los! Auf dem Po rutscht Jan ins Wohnzimmer, wo seine Eltern gemeinsam auf dem Sofa sitzen. Stolz hält er seine Hasenohren-Geste empor und schaut seine Eltern erwartungsvoll an. „Hallo Jan, wie schön, dass du nach uns gucken kommst. Möchtest du ein Bonbon essen?“, fragt Jans Vater, steht auf und läuft zum Schrank, auf dem das Glas mit den bunten Bonbons steht. „Bring am besten gleich fünf mit“, ergänzt Jans Mutter mit Blick auf seine gehobene Hand. „Hier, du Vielfraß“, scherzt Jans Vater, als er ihm mit ausgestreckter Hand die bunten Zuckerkristalle hinhält. Jan, der noch immer seine Hasenohren-Geste macht, streckt diese nun noch höher empor. Energisch lautiert er währenddessen. „Ja, hier sind sie doch. Sogar ausnahmsweise so viele auf einmal. Schau, hier. Eins, Zwei…“, zählt sein, während er weiterhin die Hand in Jans Richtung streckt. Dieser wird langsam ungeduldig und streckt seine Hasenohren-Hand nun so hoch wie er kann empor. „Ja, genau, so viele. Schau, ein blaues, ein gelbes und drei rote Bonbons. Nimm dir am besten erstmal…“ In diesem Moment wird es Jan zu viel und er schiebt die Hand seines Vaters so plötzlich weg, dass eines der Bonbons quer durchs Wohnzimmer fliegt. Dabei wackelt er mit seiner Hasenohren-Hand hin und her. „Hey, du wolltest doch die Bonbons haben! Das war aber gar nicht nett!“, ruft Jans Mutter erschrocken. „Er hat wohl doch keine Lust auf Bonbons. Heute gibt’s auch keine mehr. Dann kannst du deine Hand jetzt auch runter nehmen, Jan. Okay?,“ erwidert sein Vater beschwichtigend. Sichtlich enttäuscht nimmt Jan seine Hand etwas runter. Da kommt ihm eine Idee. Er startet einen letzten Versuch, indem er mit der anderen Hand unruhig auf die Terrassentür zeigt und dabei laut „Ja, ja, ja!“ ruft. „Na, möchtest du jetzt rausgehen?“, fragt Jans Mutter nun wieder in entspannterem Ton. „Das trifft sich ja gut. Wir wollten sowieso gerade los zu Nachbar Schulz. Er hat nämlich Kaninchen für seine Enkel adoptiert und gefragt, ob wir etwas Löwenzahn aus unserem Garten mit den Mümmlern teilen würden. Das machen wir doch glatt, oder? Kaninchen magst du doch auch so gerne.“

Seit einigen Wochen geht Jan vormittags in die Kita. An seinem ersten Kita-Tag gab es eine große Überraschung für ihn. Er ist gar nicht mehr aus dem Staunen herausgekommen, als er gesehen hat, dass es im Garten der Kita einen kleinen Sandplatz mit zwei Spielzeugbaggern gibt. Die Bagger sind sogar so groß, dass Jan bequem im Sessel des Führerhauses platznehmen kann. Zwar nur ohne Rollstuhl, doch das ist nicht weiter schlimm, denn es gibt einen Haltegurt, der ihn sicher im Sessel hält. Seitdem geht Jan sehr gerne in die Kita. Jeden Morgen beim Frühstück isst er extra schnell, damit er dann schnell los kann und so früh wie möglich in der Kita ankommt. Manchmal, wenn seine Eltern ihm morgens zu lange brauchen, wird er sogar ganz ungeduldig und gibt ihnen durch Zeigegesten auf seine Kita-Tasche zu verstehen, dass er jetzt los möchte und sie sich beeilen sollen. In der Kita angekommen, läuft er als erstes, so schnell er kann, mit seinem Walker zum Spielzeugbagger, um diesen zu begrüßen. Auch in der freien Spielzeit macht Jan nichts lieber als in „seinem“ Führerhaus zu sitzen und nachzuspielen, was er auf der Baustelle beobachtet hat. Was Jan aber noch mehr Spaß macht, als mit der Baggerschaufel große Löcher zu buddeln, um diese dann im Anschluss wieder zuzuschütten, ist es, dies mit den anderen Kindern zusammen zu tun. Das gemeinsame Spiel würde ihm so viel Spaß machen. Er wäre der Baumeister, der den anderen sagt, was zu tun ist. Dieser wichtigen Aufgabe würde er auch sehr gewissenhaft nachkommen und gibt sich größte Mühe, mit Zeigegesten und von ihm eigens für die Baustelle ausgedachten Anweisungen zu kommunizieren, was als nächstes passieren soll. Meistens spielen die anderen Kinder aus seiner Kita-Gruppe jedoch lieber Fangen, Verstecken oder erzählen sich gegenseitig selbst ausgedachte Fantasiegeschichten. Anfangs hat Jan noch versucht, beim Verstecken oder Fangspiel mitzuspielen. Nach kurzer Zeit haben ihm diese Spiele jedoch keinen Spaß mehr gemacht, denn mit seinem Walker kann er nicht so schnell laufen, wie die anderen Kinder. Wenn sie sich in Teams eingeteilt haben, wollte nur selten ein Team Jan aufnehmen, da er für den Sieg nicht schnell genug rennen könne.

Wenn sich die anderen Kinder Fantasiegeschichten ausdenken, versucht Jan stets ein aufmerksamer Zuhörer zu sein. Er gibt sich sehr viel Mühe, die Geschichte vom Anfang bis zum Ende genau nachzuverfolgen und möchte das erzählende Kind auf keinen Fall ablenken oder unterbrechen. Obwohl er sich so viel Mühe beim Zuhören gibt, sind die anderen Kinder oft enttäuscht, dass Jan keine eigenen Geschichten erzählt. Er hat es einmal versucht, jedoch haben seine individuellen Kommunikationsmöglichkeiten, in Form von Zeichen und Lauten für seine Fantasiegeschichte, die er doch so lebhaft vor seinem inneren Auge gesehen hat, nicht ausgereicht. Als seine Zuhörer:innen sich von ihm abgewandt haben, ist er sehr traurig geworden und hat sich am nächsten Tag nicht getraut, an der Erzählzeit teilzunehmen. Auch nicht als Zuhörer. In der Zwischenzeit ist Jan wieder gerne und oft als Zuhörer aktiv. Wenn es um das freie Erzählen geht, nimmt er sich jedoch lieber zurück. Auch von seinen selbst ausgedachten körpereigenen Zeichen macht er nur noch selten in der Kita Gebrauch. Aus diesem Grund wird er auch nicht mehr häufig von seinen Pädagog:innen oder den anderen Kindern dazu aufgefordert. Wenn er zum Beispiel Durst hat, muss er nur auf seine Trinkflasche zeigen, damit ihm diese wieder aufgefüllt wird.

Zum Glück kommt es immer mal wieder vor, dass sich Jan sicher fühlt, mit seinen körpereigenen Kommunikationsmitteln genau das aussagen zu können, was in der Situation gefragt ist. Sobald er die Gelegenheit bekommt, ist er beinahe nicht mehr zu stoppen und wird ganz stolz, sein Können und Wissen mit den anderen zu teilen. Wie eine solche Situation aussehen kann, soll anhand des folgenden Beispiels illustriert werden.

Als es plötzlich zu regnen beginnt, ist Jan noch ganz vertieft in sein liebstes Spiel. Wären ihm die dicken Tropfen nicht direkt ins Gesicht gefallen, hätte er den plötzlichen Schauer wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Er sitzt schon eine ganze Weile im Führerhäuschen des Spielzeugbaggers und hebt Löcher aus, um diese später wieder zuschütten zu können. Seine Aufgabe wird er wohl später zu Ende bringen müssen, denn nass werden möchte er auch nicht. Da kommt auch schon eine Pädagogin angelaufen. „Ich helfe dir mal, sonst wirst du noch ganz nass. Und dann bringe dich besser ins Haus, die Anderen warten schon“, erklärt sie Jan, als sie den Haltegurt öffnet und ihn aus dem Bagger hebt. Im Haus sitzen die anderen Kita-Kinder schon mit dem anderen Pädagogen im Kreis. „Hallo Jan, setz dich doch zu uns. Wir spielen Tiere raten“, begrüßt der Pädagoge Jan, während dieser von der Pädagogin im Kreis abgesetzt wird. „Hier habe ich Kärtchen mit Bildern von Tieren darauf. Einer von euch zieht eine Karte und versucht, das Tier von der Karte zu beschreiben. Zum Beispiel wo es lebt, ob ihr es mögt, was es frisst… Ihr könnt auch Bewegungen oder Geräusche des Tieres nachmachen. Die anderen müssen dann versuchen zu erraten, um welches Tier es sich handelt. Okay? Wer möchte zuerst eine Karte ziehen?“ Aufmerksam hat Jan den Anweisungen des Pädagogen gelauscht. Toll! Das Spiel kennt er. Er hat es schon oft mit seiner Mutter gespielt und sie haben sich gemeinsam Zeichen und Laute zu den verschiedenen Tieren ausgedacht. „Ja!“ ruft Jan in die Runde, während er den Arm in die Luft streckt. „Ja! Ja! Ja!“ „Oh nein, Jan kann doch gar nicht reden, das wird dann ganz schwer für uns.“ befürchtet eins der Kinder. „Lassen wir es Jan versuchen. Das Schöne an dem Spiel ist doch, dass er gar nicht mit seiner Stimme reden muss. Er kann dafür doch seinen ganzen Körper nutzen.“ antwortet die Pädagogin mit einem Lächeln im Gesicht, während sie Jan den Stapel mit den Tierkarten hinhält. Nachdem dieser eine Karte gezogen und vorsichtig aufgedeckt hat, entfährt ihm ein lautes Glucksen. So ein Glück. Das Tier kennt er nicht nur, nein, er weiß auch genau, welche Geste dazu passt. Nicht nur einmal hat er mit seiner Mutter genau dieses Tier geübt. Als alle Augen auf ihn gerichtet sind, beginnt er damit, mit dem einen Arm seine Nase zu greifen und den anderen wie einen langen Schlauch zwischen der Hand, die die Nase greift und seiner Schulter hindurchzuschieben. Als die Pose sitzt, wackelt er rhythmisch hin und her, stampft mit seinem Fuß auf und bläst mit einem lustigen Geräusch Luft durch seine Nase. Sichtlich zufrieden mit seiner Leistung schaut er im Kreis umher. „Ohhhh, ich weiß es, ich weiß es! Ein Elefant. Jan ist ein Elefant.“ rufen mehrere vergnügt durcheinander. „Das hat ja toll geklappt, danke Jan!“ sagt der Pädagoge mit einem breiten Lächeln. „Jetzt darfst du dir aussuchen, wer als nächstes dran ist.“

Derartige kommunikative Erfolgserlebnisse ermutigen Jan, sich auch in Zukunft wieder aktiv in Kommunikationssituationen einzubringen. Als besonders erfolgsbringend haben sich jene Situationen herausgestellt, in denen er mit Hilfe von Gegenständen oder Bildern (über diese) kommunizieren kann.

Da Jan ein altersentsprechend ausgeprägtes Symbolverständnis vorweist, kam seinen Pädagog:innen die Idee, Jan mit Hilfe von Symbolkärtchen in seinem Kommunikationsbedürfnis zu unterstützen und dadurch neue kommunikative Erfolgserlebnisse zu schaffen. Diese Symbolkärtchen können individuell zu den verschiedensten Themenkomplexen angefertigt - und im Anschluss von Jan dazu genutzt werden, besser verstanden zu werden zu können. Der Einsatz der Symbole ist besonders dann eine nützliche/effektive Kommunikationshilfe für Jan, wenn er aktiv aus verschiedenen Gegenständen/Aktivitäten auswählen darf, für die er keine körpereigenen Zeichen/Ausdrucksformen nutzt. Wie genau Jans Kommunikation mit Hilfe der Symbolkärtchen aussieht und wo sie an ihre Grenzen stoßen kann, soll im nachfolgenden Beispiel verdeutlicht werden.

Am letzten Tag vor den Weihnachtsferien macht Jans Kita-Gruppe ein gemeinsames Weihnachtsfrühstück. Schon vor Wochen haben die Kinder angefangen extra für diesen Anlass Raumschmuck zu basteln und Plätzchen zu backen. Nun ist es endlich soweit. Der ganze Raum ist wunderbar festlich dekoriert und auf einem großen Tisch in der Mitte haben die Pädagog:innen ein köstliches Buffet aufgebaut und es gibt sogar einen großen Topf mit dampfendem Kakao. Auch Jan und seine Mutter haben im Vorfeld extra für diesen Anlass fleißig Symbolkärtchen gebastelt. Diese trägt Jan jetzt gebündelt an einem Schlüsselband um seinen Hals. Jedem, dem er an diesem Morgen begegnet, zeigt er stolz die Bilder von Mandarinen, Christstollen, Brötchen, Käse, Kakao und vielen anderen Lebensmitteln, die um seinen Hals hängen. Dann ist es endlich soweit und das Buffet wird feierlich von den Pädagog:innen eröffnet. Als sich Jan suchend im Raum umschaut, kommt sein Lieblingspädagoge zu ihm gelaufen: „Guten Morgen Jan. Es ist doch bestimmt anstrengend für dich mit deinem Walker immer wieder hin und her zu laufen. Was hältst du davon, wenn du mir mit Hilfe deiner coolen Karten zeigst, was du essen möchtest und ich es dir vom Buffet hole?“, bietet er Jan freundlich an. Dieser antwortet erst gar nicht und beginnt direkt damit, den Stapel an Symbolkärtchen durchzublättern sowie auserwählte Kärtchen vor ihm auf den Tisch zu legen. Als er fertig ist, liegen vor ihm die Symbole von einer Mandarine, Plätzchen, einem Apfel und einem Brötchen. „Das sieht ja schon mal lecker aus! Was möchtest du denn auf dein Brötchen geschmiert haben?“, fragt der Pädagoge geduldig. Jan blättert erneut in seinem Symbolstapel herum. Es scheint so, als würde er etwas suchen. Nachdem er den Stapel mehrfach durchgeblättert hat, seufzt er und entscheidet sich schließlich für das Bild vom Kakao. Mit einem leichten Kopfschütteln legt er die Karte zu den anderen vor sich. „Nanu, ich habe doch gefragt, was ich dir auf dein Brötchen schmieren soll. Schau nochmal nach“, erwidert der Pädagoge verwundert. „Ja!“ sagt Jan direkt und zeigt auf das Kakao-Symbol. „Ja!" „Du kannst doch keinen Kakao auf dein Brötchen tun, Jan. Das schmeckt sicher nicht und ist eine große Sauerei auf dem Teller. Bitte suche dir doch etwas anderes aus.“ Jan zeigt weiterhin erst auf das Kakao-Kärtchen und dann auf das Symbolkärtchen mit dem Brötchen darauf. Währenddessen beginnt er aufgeregt hin und her zu wippen. Noch einmal blättert er seinen Stapel durch und wirkt, als wäre er auf der Suche nach einem ganz bestimmten Symbol. Als er fertig ist, zeigt er erneut erst auf seinen leeren Teller, danach auf das Kakao-Symbol und letztlich auf das Brötchen-Symbol. „Na gut, Jan. Ich schaue mal, ob wir noch trockenes Kakaopulver haben, welches ich dir auf dein Brötchen streuen kann.“ Als der Pädagoge zurückkommt, hat er zwei gefüllte Teller für Jan dabei. Auf dem einen befinden sich eine Mandarine und einige Plätzchen und auf dem anderen eine Brötchenhälfte bestrichen mit Butter und Kakaopulver. Als er die Teller vor Jan auf den Tisch stellt, dreht dieser augenblicklich den Kopf in die andere Richtung. „Schau mal, dein Wunsch war mir Befehl. Hier hast du dein Kakao-Brötchen“, verkündet der Pädagoge und führt dabei eine kleine Verbeugung aus. Nachdem Jan das Brötchen einige Sekunden betrachtet hat, schiebt er den Teller so weit von sich weg, wie er kann. Sichtlich aufgeregt beginnt er zu lautieren und ihm schießen die Tränen in die Augen. Wieder blättert er in dem Stapel Kommunikationskärtchen. „Was ist denn hier los? Schmeckts dir nicht, Jan?“, fragt die Pädagogin, die jetzt hinter ihm steht. Nachdem der Pädagoge seiner Kollegin die Situation geschildert hat, ist sie für einige Augenblicke still und fixiert das Kakao-Brötchen. „Ich meine mich zu erinnern, dass Jans Mutter bei der Anmeldung meinte, dass er liebend gern Nuss-Nougat-Creme zum Frühstück isst.“ „Ja!“ ruft Jan plötzlich und zeigt wieder auf das Kakao-Kärtchen. „Achsoooo! Jetzt verstehe ich auch seine Reaktion. So würde ich auch reagieren, wenn mir jemand anstatt Nuss-Nougat-Creme schnödes Kakaopulver anbieten würde. Ich schmiere dir jetzt ein Brötchen mit Nuss-Nougat-Creme.“

Nachdem die Gruppe ihr Frühstück beendet und sich in die Feiertage verabschiedet hat, kommen auch schon die Eltern der Kinder um diese abzuholen. Als Jans Mutter die Kita betritt, fragt sie gleich, wie die Kommunikation mit den eigenes gebastelten Symbolkärtchen geklappt hat. „Super, Jan hat ganz toll ausgewählt, was er essen möchte“, erwidert die Pädagogin. „Nur für das nächste Frühstück brauchen wir noch ein Kärtchen für Nuss-Nougat-Creme“, fügt sie lächelnd hinzu. „Na lieber nicht! Nuss-Nougat-Creme gibt es nur am Sonntag aufs Brötchen! Das weiß Jan auch. Das Kärtchen habe ich extra weggelassen. Und wenn kein Kärtchen da ist, kann er es sich auch nicht wünschen.“

Das Beispiel verdeutlicht, dass Jan durch den Gebrauch der Symbolkärtchen zwar eine breitere Auswahl an Wahlmöglichkeiten hat, sich diese jedoch bloß auf die vorhandenen Symbole beziehen. So kann er nur aus den Gegenständen/Begriffen frei wählen, die ihm auch angeboten werden. Sobald er ein Bedürfnis äußert, welches nicht auf den Symbolkärtchen abgebildet ist, muss er sich Alternativen ausdenken und es besteht die Chance, dass er nicht verstanden wird und somit sein Bedürfnis nicht erfüllt wird. Auch abstraktere Kommunikationsanlässe und Themen, die nicht im Vorfeld von seinen Bezugspersonen als wichtig erachtet wurden, also keinen Platz auf den Symbolkärtchen gefunden haben, können von Jan weiterhin nicht kommuniziert werden und bleiben somit verborgen.

Darüber hinaus wird vom Ersteller der Symbolkärtchen auch immer, bewusst oder unbewusst, über Jans Kopf hinweg entschieden, welche Themen und Gegenstände für ihn in bestimmten Themenkomplexen relevant sein könnten. Sobald Jan sich etwas wünscht oder er etwas Wichtiges zu erzählen hat, ist er darauf angewiesen, dass sein Umfeld diese Wünsche erkennt, sie co-konstruiert und ihm dann zur Verfügung stellt. Doch selbst wenn dies geschehen ist, ist es nicht zwangsläufig gegeben, dass ihn auch Kommunikationspartner:innen verstehen, die mit seinem Alltag nicht vertraut sind.

Je älter Jan wird und je mehr er sich seine Umwelt erschließt, desto mehr potentielle Kommunikationsinhalte werden für ihn relevant. Diese neuen Inhalte werden nicht mehr nur um die reine Bedürfnisbefriedigung gehen oder in seiner unmittelbaren Umgebung verhaftet sein. Damit Jan die Chance bekommt, seine lebhaften Einfälle und Gedanken in dem Maße kommunizieren und teilen zu können, dass er auch verstanden wird, braucht er neue, ergänzende Kommunikationsmöglichkeiten. Diese sollten zu seinem Kommunikations-bedürfnis sowie zu seinen ganz individuellen Inhalten passen und dadurch kommunikationsfördernd /anregend sein. Außerdem sollte bei der Suche nach geeigneten Kommunikationshilfen für Jan auch beachtet werden, dass er die Chance bekommt, Wörter, die kaum bildhaft dargestellt werden können (wie z.B. das Wort „anders“), in seiner Kommunikation verwenden zu können.

Um Kommunikationsmöglichkeiten zu finden, die dem Kommunikationsbedürfnis ihres Sohnes gerechter werden und diese im Anschluss direkt mit Jan erproben zu können, haben seine Eltern Kontakt zu der örtlichen Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation bei Frau G. aufgenommen. Nach dem ersten Kennenlernen stand perspektivisch eine Versorgung mit einer komplexen, elektronischen Kommunikationshilfe mit Sprachausgabe an. Um Jan bestmöglich auf dem Weg zur komplexen Kommunikationshilfe zu begleiten und zu unterstützen, haben Frau G. und Jans Familie einen Termin für eine erste Erprobung ausgemacht. Erprobt wurde der Umgang mit einfachen und komplexeren elektronischen Kommunikationshilfen als Ergänzung zu Jans körpereigenen Kommunikationsformen.

 

Die Beratung und Erprobung in der Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation

Noch vor dem ersten Beratungstermin hat Jans Mutter die Kommunikationssituation ihres Sohnes für Frau G. so beschrieben, dass sie, sowie die meisten Personen in Jans Umfeld ihn mit seinen individuellen Zeichen gut verstehen. Trotzdem ist es für Jans Entwicklung sehr wichtig, dass er seine kommunikativen Möglichkeiten weiterentwickeln kann und irgendwann auch mit Personen in Kommunikation treten kann, die die Bedeutung seiner individuellen Zeichen (noch) nicht kennen.

Ebenfalls noch vor dem ersten Beratungstermin hat Jans Mutter explizit den Wunsch nach einer Versorgung von Jan mit einer komplexen elektronischen Kommunikationshilfe geäußert.

Beim ersten Beratungstermin wurde der Fokus von Frau G. erst einmal darauf gesetzt, Jans individuelle Kommunikationsformen kennenzulernen.

„Ich habe mit Jans Familie neben der Erprobung der Elektronischen Kommunikationshilfe zunächst erste Schritte für die Vermittlung von Gebärden besprochen, um die körpereignen Möglichkeiten von Mimik, Gestik und wenigen Wörtern zu unterstützen.“

In der ersten Beratungssitzung ging es primär darum, Jans aktive Kommunikationsmöglichkeiten/Bestrebungen aufzugreifen, um diese zu unterstützen. Im nächsten Schritt sollte an ihrer universalen Verständlichkeit gearbeitet werden, um dann die Nutzung einer komplexen elektronischen Kommunikationshilfe zu erproben.

So wurden der Familie durch Frau G. kleine, alltägliche Hilfen mit kommunikativer Funktion, wie erste Gebärden/Zeichen, vorgestellt.

Ein Problem, welches Jans kommunikative Entwicklung stets einschränkt, ist laut seiner Mutter, dass Jans Umfeld zu schnell und zu spekulativ auf seine Mimik, Gestik und Laute reagiert, so dass Entwicklungsimpulse und Lernanlässe vom Umfeld (z.B. in der Kita) nicht wahrgenommen werden.

Um Jan in seinen aktiven Kommunikationsmöglichkeiten noch weiter zu unterstützen und ihn unabhängiger von der Interpretation seiner Gesprächspartner:innen zu machen, haben Jans Eltern, in Zusammenarbeit mit den Pädagog:innen der Kita, ihm die Symbolkärtchen (aus den obigen Beispielen) angeboten und ihm damit eine symbolische Ergänzung zu seinen körpereigenen Zeichen gegeben.

Damit Jans Symbolverständnis noch weiter gestärkt werden kann und um ihm auch situationsunabhängige Symbole, die sein Umfeld vielleicht gar nicht für so wichtig hält, anzubieten, hat Frau G. Jans Familie Kommunikationsbücher vorgestellt und sogar ein Exemplar zum Kennenlernen mit nach Hause gegeben.

Ein Kommunikationsbuch ist eine, in Buchform gebundene, Sammlung von Symbolen zu den verschiedensten Themenbereichen. In verschiedenen Kapiteln werden so z.B. passende Symbole zu Themen wie Lebensmittel oder Fahrzeuge angeboten. Mit Hilfe von Kommunikationsbüchern wird eine Kommunikation auch über situationsunabhängige Themen möglich. Durch die vielfältige Themenauswahl der einzelnen Kommunikationsbücher muss die Person, die mit Hilfe der Bücher kommunizieren möchte, nicht warten, bis ihr verschiedene Symbolkärtchen angeboten werden, sondern kann immer und überall im Buch suchen und zeigen, worüber sie kommunizieren möchte.

Das Kommunikationsbuch, welches Frau G. Jans Familie zum Üben mit nach Hause gegeben hat, hat sogar eine ganze Doppelseite zum Thema Baustelle, die Jan natürlich besonders spannend findet.

„Jaan, wo bist du denn?“, ruft Jans Mutter in sein Zimmer hinein. „Jaaa!“, antwortet Jan direkt und hebt die Hand, um auf sich aufmerksam zu machen. Es ist ein verregneter Tag und Jan verbringt seine Zeit damit, das Buch zu bestaunen, welches Frau G. ihm mitgegeben hat. Natürlich ist wieder die Themenseite zu Baufahrzeugen aufgeschlagen. „Ach, hier bist du ja“, flüstert seine Mutter, als sie sein Zimmer betritt. „Lernst du wieder fleißig? Toll! Hast du schon den Kran gefunden? Kannst du mir den Kran in deinem Buch zeigen?“, fragt sie, während sie sich neben ihren Sohn auf den Teppich setzt. Jan sondiert die Doppelseite. Zielgerichtet hebt er die Hand und bewegt sie in die Richtung des Kransymbols. „Ich habe den Kran noch nicht gefunden, kannst du etwas genauer zeigen, wo er ist?“ Langsam, aber zielbewusst bewegt Jan seine Hand zum Kransymbol, bis er es mit seinen Fingerspitzen berührt. Dann hebt er plötzlich seinen Arm und zeigt mit der Hand in Richtung seines Spielzeugkrans, der neben ihm auf dem Boden steht. „Ja, ganz richtig erkannt, genau wie die Menschen auf der Baustelle im Buch hast du auch einen eigenen Kran!“ erwidert Jans Mutter sichtlich stolz auf ihren Sohn.

Mit Hilfe der symbolbasierten Kommunikation kann Jan, mit einem Fingerzeig auf das jeweilige Symbol über Gegenstände (sowie z.B. mithilfe von Fotos auch über Menschen) kommunizieren. Diese Gegenstände müssen sich dank des vielfältigen Symbolangebots nicht mehr in Jans unmittelbarer Nähe befinden, damit er auf sie zeigen kann. Schwieriger für Jan und seine Kommunikationspartner:innen kann es jedoch werden, wenn er sich über Inhalte austauschen möchte wie z.B. Präpositionen oder Adverbien, die nur abstrakt symbolisch darzustellen sind.

Das gemeinsame Erleben der Kommunikationsbücher kann besonders viel zum Symbolverständnis beitragen, wenn die thematisierten Symbole auch mit den passenden Realgegenständen in Verbindung gebracht werden. Aus diesem Grund haben Jans Eltern viele Realgegenstände, die Jan tagtäglich nutzt, mit den passenden Symbolkärtchen versehen. So klebt an seiner Tasse, aus der er morgens am liebsten trinkt, nun ein Tassensymbol und auch sein Spielzeugkran ist mit dem passenden Kransymbol versehen.

Durch die symbolbasierte Kommunikation, in Form von Symbolkärtchen und Kommunikationsbüchern, hat Jan viele neue Kommunikationserfolge. Diese sind ihm vorher, als ihm lediglich seine körpereigenen Zeichen zur Kommunikation zur Verfügung standen, oftmals verwehrt geblieben. Trotzdem gibt es auch in Jans Leben Anlässe, an denen die Möglichkeit zur lautsprachlichen Äußerung seine Kommunikationsvorhaben um einiges erleichtern würde. Aus diesem Grund haben Frau G. und Jans Familie gemeinsam entschieden, dass eine einfache elektronische Kommunikationshilfe mit dynamischer Oberfläche und ergänzender Sprachausgabe Jan dabei helfen könnte, noch einfacher und unabhängiger kommunizieren zu können.

Auch ist es Jan durch die Übersetzung der Symboläußerungen in Lautsprache möglich, zu mehreren Kommunikationspartner:innen auf einmal zu sprechen. Anhand der folgenden zwei Beispiele soll illustriert werden, wie Jans Kommunikation mit Hilfe der einfachen elektronischen Kommunikationshilfe mit dynamischer, symbolbasierter Oberfläche und Sprachausgabe aussehen könnte;

1) Morgen ist ein ganz besonderer Tag für Jan und seine Familie, denn der siebzigste Geburtstag seiner Oma steht bevor. Für die Feier haben sich seine Eltern etwas ganz Besonderes ausgedacht. Sie haben ein Gedicht über das Leben seiner Oma geschrieben. Und es kommt noch besser, denn genau dieses Gedicht hat seine Mutter auf die Kommunikationshilfe gesprochen, die Frau G. zum Üben mit nach Hause gegeben hat. Jedes Mal, wenn Jan nun auf die Taste mit dem Foto seiner Großmutter drückt, sagt die Kommunikationshilfe das ganze Gedicht auf. Und eben dieses Drücken haben Jan und seine Mutter in den letzten Tagen fleißig geübt. Dabei ist Jan aufgefallen, dass der Druck noch nicht stark genug ist, wenn er bloß seinen Zeigefinger zum Drücken nutzt, um damit die Taste auszulösen. Also hat er weiter geübt und ausprobiert, bis er gemerkt hat, dass er am kräftigsten drücken kann, wenn er seinen Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger auf einmal nutzt. Sobald er mit allen drei Fingern auf einmal gedrückt hat, muss er die Taste schnell wieder loslassen, damit das Gedicht auch wirklich ertönt. Das Drücken und Loslassen war für Jan anfangs gar nicht so einfach zu koordinieren. Nichtsdestotrotz hat er viel geübt und mittlerweile gelingt es ihm beinahe bei jedem Versuch, die Taste auszulösen und das Gedicht mit seiner Kommunikationshilfe vorzutragen.

2) Heute steht Jan ein besonders spannender Kita-Tag bevor, denn heute ist der erste Tag, an dem er in der Kita das Stempel-Amt innehat. Diese wichtige Aufgabe haben sich Frau G., Jans Eltern und die Pädagog:innen der Kita gemeinsam ausgedacht. Jans Aufgabe als Amtsinhaber ist es, am Ende eines jeden Kita-Tages seine Kita-Kamerad:innen zu fragen, wie ihr Tag war und dann einen passenden Smiley-Stempel in die Gruppenliste zu stempeln. Als Hilfsmittel zur Formulierung der Fragen „Wie war dein Tag?“ und „Welchen Stempel bekommst du?“ haben Frau G. und Jans Eltern die Kommunikationshilfe mit Sprachausgabe im Vorfeld mit den beiden Fragen bestückt und Jan gezeigt, auf welches Symbolfeld er für welche Frage drücken muss. So gut vorbereitet tritt Jan nun seinen ersten Tag im Stempel-Amt an. Nach einem ereignisreichen Kita-Tag setzt sich Jans Kita-Gruppe wie jeden Tag zur Abschlussrunde in einen Abschiedskreis. Heute ist Jan jedoch kein Teil des Kreises, sondern sitzt mit seinem Rollstuhl in der Mitte. „So ihr Lieben, ihr wisst ja, dass Jan ab heute das Stempel-Amt innehat. Wir werden also ab heute jeden Tag unsere Abschlussrunde damit beginnen, dass ihr Jan mitteilt, wie euer Tag war und welchen Smiley ihr diesem Tag geben würdet. Diesen Smiley stemple ich euch dann in die Gruppenliste und am Ende der Woche könnt ihr sehen, wie eure Woche war“, kündigt die Pädagogin an. „Jan, such du dir am besten aus, wen du zuerst fragen möchtest.“

Jan fixiert ein Mädchen aus seiner Gruppe mit seinen Augen und spricht sie direkt mit „Ja!“ an. „Meinst du mich?“, fragt das Mädchen. „Ja! Jaaaa!“, antwortet Jan direkt und nickt leicht mit dem Kopf nach vorne und nach hinten. Er drückt eine Taste und um gleichen Moment ertönt die Frage „Wie war dein Tag?“ „Ohhh, das ist ja cool!“, antwortet das Mädchen begeistert. „Mein Tag war schön, ich habe gespielt und …“ Im gleichen Moment ertönt auch schon die zweite Frage „Welchen Stempel bekommst du?“, aus Jans Kommunikationshilfe. „Hey, ich war noch nicht fertig. Also ich habe gespielt und dann habe ich mein Brot mit Marmelade gegessen und dann habe ich gemalt, fertig.“, erwidert das Mädchen. „Achso, ja, ich nehme den lächelnden Smiley, weil mein Brot so lecker war“, ergänzt sie. Die Pädagogin, die den gewählten Stempel in die Gruppenliste stempelt, nickt Jan aufmunternd zu, während sie sagt: „Okay, das klappt ja super, danke euch beiden. So, Jan, wer ist als nächstes dran?“. Als Jan Blickkontakt mit dem Jungen links von ihm aufnimmt, fügt die Pädagogin noch hinzu: „Und diesmal warten wir mit der zweiten Frage am besten, bis wir die ganze Antwort gehört haben, wir wollen doch nichts verpassen, stimmts?“. Jan nickt und im nächsten Moment ertönt auch schon die Frage „Wie war dein Tag?“

Durch Jans Erfahrungen mit der dynamischen Kommunikationshilfe ist es Jan nun möglich, Gespräche zu initiieren, den Gesprächsverlauf aktiv mitzubestimmen und so Erfahrungen als selbstbewusster Gesprächspartner zu machen.

Indem er, durch Fragen oder Aussagesätze, soziales Miteinander sowie Interaktionen maßgeblich mitgestaltet, kann er auch von seinem Umfeld als kompetenter und wichtiger Teil der Gemeinschaft (und vor allem als Gesprächspartner) wahrgenommen werden.

Auch die Reaktionen auf seine kommunikativen Äußerungen sind durch die Umwandlung in Lautsprache direkter. Da Jans Äußerungen nicht erst von seinen Kommunikationspartner:innen interpretiert werden müssen. Aufgrund der direkteren Reaktion auf seine kommunikativen Äußerungen (mit Hilfe der Sprachausgabe) bekommt Jan in Kommunikationssituationen die Möglichkeit, wichtige Selbstwirksamkeitserfahrungen zu sammeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausblick:

Um Jan noch mehr Wortschatz anzubieten und ihm die Möglichkeit der Verwendung einer Grammatik zu geben, hat Jans Familie gemeinsam mit Frau G. beschlossen, dass die Versorgung mit einer komplexen elektronischen Kommunikationshilfe für Jans kommunikative Entwicklung das passende Kommunikationsmittel ist.

Da Jans Familie eine ganz bestimmte Hilfsmittelfirma für die Versorgung mit der Kommunikationshilfe ausgesucht hat, ist bis zur tatsächlichen Versorgung noch einige Zeit vergangen.

Schließlich wurde Jan mit einer komplexen elektronischen Kommunikationshilfe mit dynamischer Oberfläche versorgt. Zu Beginn nutzte er die Ausführung mit der dynamischen 5x5–Felder–Oberfläche. Inzwischen hat er jedoch zu 4x7–Feldern gewechselt und auch seine Logopädin nutzt diese Anzahl der Felder inzwischen mit ihm.

Darüber hinaus ist besonders seine Mutter bei der Anpassung der dynamischen Oberfläche aktiv geworden. Sie hat die Tasten immer wieder angepasst und neue Verknüpfungen zu Unterseiten für ihren Sohn erstellt.

Mit der Zeit und viel Übung ist es Jan immer leichter gefallen, gezielt und bewusst auf die Tasten zu drücken und sich damit zu äußern. Zusätzlich äußert er sich auch weiterhin mit Gesten und einzelnen Worten.

In der letzten Beratung hat Jan die Möglichkeit bekommen, eine komplexe dynamische Oberfläche mit 5x9–Feldern auszuprobieren. Auch hier erkundete er genau und drückte gezielt die von ihm ausgewählten Tasten.

 

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